Erasmus+ Austausch mit Norwegen: Skandinavische Gelassenheit

Besuch in der Partnerschule in Egersund

Vom 11. bis 15 Dezember 2017 besuchten vier Lehrer des RBBK gemeinsam mit den Ausbildern Frank Kleinefeld (ThyssenKruppSteel AG) und Leo Behrendt (Deutsche Giessdraht GmbH) unsere Partnerschule in Egersund/Norwegen. Es galt, im Rahmen des Erasmus+-Programmes, mit den norwegischen Kollegen den nächsten Schüleraustausch vorzubereiten und vertiefte Einblicke in das norwegische Schulsystem, die Ausbildung und das Leben mit der typisch skandinavischen Gelassenheit zu gewinnen.

Gelassenheit ist ein Stichwort, das die Reisegruppe bereits auf dem Hinflug lernen musste. Durch den plötzlichen Wintereinbruch im Ruhrgebiet verzögerte sich der Abflug, dadurch war es unmöglich, den Anschlussflug von Oslo nach Stavanger noch zu erreichen. Mit knapp dreistündiger Verspätung kamen wir dann in Stavanger an und wurden von Rieko van Silfhout, Koordinator der internationalen Kontakte, mit dem Schulbus nach Egersund gefahren. Bereits nach den ersten Kilometern wurde uns klar, dass die - sagen wir mal - "beherzte Fahrweise" gewöhnungsbedürftig war: Weder eine geschlossene Schneedecke oder scharfe Kurven beeindruckten den gebürtigen Niederländer mit exzellenten deutschen Sprachkenntnissen. Der Grund war einfach: In Norwegen sind Spikes zugelassen - und damit lässt es sich gelassen fahren. Die Tatsache, dass wir Spikes auf den Reifen hatten sorgte auch bei allen Passagieren für Entspannung.

Nach dem Check-in im Hotel ging es am ersten Abend in eine örtliche Pizzeria, um den zweiten Tag vorzubereiten. Der hatte es dann auch in sich: Die Schule ist bequem vom Hotel in einem zwanzig minütigen Fußmarsch zu erreichen, der am Yachthafen vorbei führt. In der Schule erwarteten uns Rieko van Silfhout, Ole Garpestad und Aslak Holmen, um uns erst einmal das Gebäude und das Bildungssystem vorzustellen. Die gute technische Ausstattung ermöglicht eine praxisnahe AusbildungDie Dalane videregående skole besteht eigentlich aus vier Schulen in einer und wird von insgesamt rund 700 Schülerinnen und Schülern besucht. Rund 100 Lehrkräfte, Verwaltungs- und Reinigungsmitarbeiter/innen kümmern sich um den laufenden Betrieb. Neben einem Gymnasialzweig gibt es die drei Abteilungen Hauswirtschaft, Metall- und Elektrotechnik.

Anders als in Deutschland ist die berufliche Ausbildung in eine zwei- bis dreijährige Vollzeitschule und eine anschließende berufliche Praxisphase aufgeteilt. Damit in den ersten zwei Jahren nicht bloß graue Theorie unterrichtet wird, verfügt die Schule über eine hervorragende technische Ausstattung. Bei einer durchschnittlichen Klassengröße von 15 Schülerinnen und Schülern - im beruflichen Ausbildungsbereich - ist die Betreuung sehr individuell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten. Um den Praxisanteil noch weiter zu erhöhen, strebt die Dalane videregående skole entsprechende Kooperationen wie die mit dem RBBK an, damit die Schülerinnen und Schüler über Auslandspraktika ihren Horizont erweitern können. Im Gegenzug wird jährlich einigen Schülerinnen und Schülern des RBBK die Möglichkeit gegeben, in Egersund drei Wochen an einem internationalen Projekt mitzuarbeiten. Eben dieses Projekt sollte nun vorbereitet werden. Durch die intensive Vorbereitung beider Lehrer- und Ausbildergruppen kamen wir schnell überein, dass in den nächsten Jahren der Kooperation ein modulares Projekt mit Beteiligung der Ausbildungsberufe Elektroniker, Industriemechaniker und technische Zeichner durchgeführt werden soll. Zur besseren Kommunikation untereinander wurden Standards installiert, die nun mit Inhalten gefüllt werden müssen. Die Direktorin Aslaug Undheim und der Konrektor Tor-Magne Rotevatn zeigten sich sehr angetan von den Fortschritten und sehen dem Besuch der norwegischen Schülerinnen und Schüler in Duisburg im März 2018 gespannt entgegen, bevor dann die Duisburger Auszubildenden nach Egersund reisen. Nach einem arbeitsreichen Tag an der Dalane videregående skole ging es zum Abendessen in ein örtliches chinesisches Restaurant, wo noch einmal intensiv über die Unterschiede der Bildungssysteme diskutiert wurde.

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Erkundung der großartigen norwegischen Fjordlandschaft. Dazu hatte sich Roar Edland-Hansen, Naturkundelehrer und begeisterter Wanderer, etwas besonderes einfallen lassen. Wir fuhren zum "Fladen" (was soviel wie "flach" bedeutet) und besichtigten dort Helleren am Jossinngfjord, eine über hundert Jahre alte Siedlung unterhalb eines Felsvorsprungs. Der Fladen selbst liegt allerdings 150 Meter hoch und ist nur über eine steile Stiege neben einer uralten Bahnlinie zu erklimmen. Zwar ziemlich geschafft, aber mit einem überwältigenden Ausblick belohnt, kamen wir alle oben an. Die gemeinsame Leistung kann gut unter dem Punkt "Maßnahme zur Teambildung" verbucht werden. Am Abend trafen wir uns dann mit Ole und Aslak zum Essen und vertieften die Gedanken des Vortages zum anstehenden Schüleraustausch.

Donnerstag gab es ein zweigeteiltes Programm: Am Vormittag ging es zur Kverneland Group in Klepp bei Stavanger, einem international tätigen Landmaschinenhersteller, der auch mittlerweile einige Absolventen der Dalane videregående skole beschäftigt. Das Unternehmen hat unlängst eine 2.600 Quadratmeter große Halle für Stahlhärtung und ein 2.400 Quadratmeter umfassendes Gebäude für die Forschung und Entwicklung angebaut. Nach einer eingehenden Betriebsbesichtigung mit dem Schwerpunkt der Stahlver- und bearbeitung für Pflüge und landwirtschaftliche Geräte gab uns der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung Einblicke in die Landwirtschaft der Zukunft: Eine immer größer werdende Weltbevölkerung muss von immer kleiner werdenden landwirtschaftlichen Flächen versorgt werden. Eine zunehmende Automatisierung der Landwirtschaft durch GPS-gesteuerte Pflüge, die gleichzeitig Bodenproben nehmen und später über eine vollautomatisch vernetzte Steuerung dafür sorgen, dass Düngegeräte die benötigten Mineralien an genau der richtigen Stelle in genau der richtigen Menge einbringen, lässt die Erträge steigen -bei gleichzeitig hoher Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Dass in einer vollautomatisierten Landwirtschaft weniger Menschen beschäftigt sein werden, ließ er außer Frage.

Stark beeindruckt von der Professionalität der Fertigung bei der Kverneland Group besuchten wir am Nachmittag das Ölmuseum in Stavanger. Seit Ende der 1960er Jahre gehört Norwegen zu den ölproduzierenden Ländern und hat nach anfänglichen Anlaufproblemen die Staatsfinanzierung durch die Ölexporte revolutioniert: Die Ölindustrie ist komplett verstaatlicht und die Einnahmen fließen in den staatlichen Rentenfonds, aus dem Norwegens Rentner bezahlt werden. Offenbar ein funktionierendes Modell, denn der Staatsfonds gehört zu den größten der Welt. Norwegen selbst hat sich mittlerweile auf den Weg zu einem ökologischen Vorbildstaat gemacht: Weg vom Selbstverbrauch des Öls und hin zu erneuerbaren Energien: In keinem Land der Erde sind mehr Elektroautos unterwegs und ist die Quote der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien höher: Norwegen setzt bei der Stromerzeugung auf Wasserkraftwerke. Demnächst wird über die noch im Bau befindliche Stromtrasse NordLink Strom über ein Seekabel im Skagerrak direkt nach Deutschland exportiert. Die Leitung soll bidirektional betreiben werden: Strom soll von Deutschland nach Norwegen fließen, wenn Windanlagen in Deutschland genug Energie produzieren. Gibt es bei uns keinen Wind und Bedarf an Energie, soll umgekehrt Strom von norwegischen Wasserkraftwerken zu uns fließen und bis zu 3,6 Millionen Haushalte beliefern. Ein weiteres interessantes berufliches Betätigungsfeld für Auszubildende in technischen Berufen!

Nach der Rückkehr nach Egersund hatten wir abends noch die Gelegenheit den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Zwischen singenden "Mönchen" (eigentlich ein verkleideter Männerchor), Rentiersalami und allerlei Weihnachtsdekoration kam dann auch schnell weihnachtliche Stimmung auf, bevor wir uns auf den - diesmal pünktlichen - Rückflug machten.

Hier im Norden geht alles etwas gemütlicher zu als im hektischen Deutschland - skandinavische Gelassenheit eben!

Im nächsten Jahr hat dann auch eine ausgewählte Gruppe Auszubildender des RBBK die Gelegenheit, im Rahmen eines Praktikums die norwegische Arbeits- und Lebensart kennenzulernen.

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